Die zunehmend sichtbaren Auswirkungen des E-Commerce Tsunami auf die Entwicklung der deutschen Innenstädte, vor allem kleiner und mittlerer Städte beschäftigt uns schon seit längerem. Gerrit Heinemann, von der Hochschule Niederrhein, sorgt gerade für aktuelle Presse, indem er folgende Aussage veröffentlicht: „Prognosen, wonach bis 2020 rund 50 000 Geschäften das Aus droht, sind nicht übertrieben. Das wird eher die Untergrenze sein“.
Bedrohung der Städte von allen Seiten
Die Schere für Geschäfte auf dem Land, abseits der großen Ballungszentren und Metropolen wird immer enger. Einerseits machten sie bisher noch 50 Prozent der Umsätze des gesamten Handels aus, andererseits ist bereits eine „Leerstandsquote von 40 Prozent in Klein- und Mittelstädten keine Ausnahme mehr“, so Heinemann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Ähnlich sieht Boris Hedde vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) die Lage. „Die demografische Entwicklung und der damit verbundene Bevölkerungsrückgang in vielen Regionen werden wie ein zweiter Tsunami über die Branche hinwegfegen“, glaubt er. Vor allem in den ländlichen Regionen, in den Klein- und Mittelstädten würden dadurch viele Geschäfte ihrer Existenzgrundlage beraubt.
In Textilwirtschaft (Update 11/2018: Der Artikel ist mittlerweile nicht mehr online) ist aktuell über die Entwicklung innerstädtischer Mieten zu lesen: „Der Strukturwandel im Modehandel – steigender Online-Anteil, immer mehr internationale Mitbewerber, rückläufige Kundenfrequenzen und sinkende Produktivitäten – zwingt die Unternehmen zum Handeln.“ Betroffen sind nicht nur kleine Händler um die Ecke, sondern auch Marken rechnen immer genauer und schließen sukzessive unrentable Geschäfte, wie jüngst ein Fall aus Münster zeigt. Dort wird eine 812 Quadratmeter große Ladenfläche „aus wirtschaftlichen Gründen“ geschlossen. Ulrike Wollenschlaeger (Update 11/2018: Der Artikel ist mittlerweile nicht mehr online) schreibt dazu: „Das Geschäft in den Münster-Arkaden ist eines von zehn Stores in Deutschland, dessen Weiterführung trotz „entsprechender Bemühungen“ aus wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll ist, heißt es aus Ratingen.“
Freilich handelt es sich hierbei nicht um ein rein deutsches Phänomen, auch in den USA sterben die großen Kaufhäuser.
Mönchengladbach by eBay als Vorzeigeprojekt
Für Heinemann ist der Online-Handel aber auch eine Chance. In Mönchengladbach etwa hatten 79 lokale Einzelhändler ihr Sortiment ganz oder teilweise auch auf dem Online-Marktplatz Ebay angeboten. Ergebnis: 87 500 Artikel im Gesamtwert von über 3,2 Mio. EUR wurden in 84 Länder verkauft. Für jeden aktiven Händler bedeute dies ein durchschnittliches zusätzliches Jahresumsatzplus von rund 90 000 Euro. „Das kann helfen, den Umsatz stabil zu halten“, betonte Heinemann.
Welche Punkte notwendig sind, damit der Handel sich erfolgreich positionieren und weiterentwickeln kann ist in einer aktuellen Studie der Wirtschaftsberatung PwC zu lesen:
Unsere Erfahrung zeigt, dass die digitale Transformation, die der Handel derzeit durchläuft, sich im Unternehmen nicht als punktuelle Transformation, sondern als kontinuierlicher Prozess darstellt. Diesen Transformationsprozess können Händler nur dann erfolgreich managen, wenn sie ein digitales Denken und Handeln in ihre unternehmerische DNA integrieren und eine alle Unternehmensbereiche umfassende „Total Retail“-Strategie aufsetzen, implementieren und stetig weiterentwickeln.
Ob es möglich ist in einem bestehenden, alt eingesessenen Handelsgeschäft diese notwendige DNA freizulegen oder die Online Pure Player, die auf der grünen Wiese von vornherein eine entsprechende Kultur prägen können, hier deutlich im Vorteil sind, wird immer noch heiß diskutiert. Schaut man nun auf die Entwicklung im Onlinehandel scheint es zumindest, dass der E-Commerce unbegrenzt, ja die ganz Großen zuletzt sogar wieder an Dynamik zulegen konnten.
Onlinehandel boomt ungebrochen
Während immer mehr lokale Geschäfte schließen ist freilich im E-Commerce ein gegenläufiger Trend zu beobachten. Die jüngsten Geschäftszahlen von Zalando (Q2 2016: Vorläufige Quartalszahlen sorgen für Zalando Börsenkurs Feuerwerk) und Amazon (Q2 2016: Amazon meldet neuen Umsatz und Gewinn Rekord) zeigten Wachstumsraten um die 30 Prozent und vor allem auch deutlich gestiegene Gewinne. Amazon schickt sich an in Hamburg sein zehntes Logistikzentrum bis September 2017 zu eröffnen. Es hat im Winsener Gewerbegebiet Luhdorf eine Halle angemietet. Bis zur Eröffnung des Logistikzentrums im September 2017 entsteht ein zweites Gebäude. Dadurch wächst die Logistikfläche auf 70.000m².
„Die Ansiedlung des Online-Händlers ist ein Gewinn für den Gewerbe- und Wirtschaftsstandort Winsen“, sagt Bürgermeister André Wiese. Dabei gehe es nicht nur um die rund 1500 neuen Arbeitsplätze, sondern auch um die „positiven Effekte auf die Einwohnerzahl, die Steuerkraft, die Auftragslage anderer Dienstleister und Handwerker und auf das Image“.
Letzte Aktualisierung: 2018-11-12